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Wie sich Unternehmen auf den Ukraine-Wiederaufbau vorbereiten

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Rubblemaster-Gründer Gerald Hanisch hofft mit Hilfe türkischer Kontakte in der Ukraine zu Aufträgen zu kommen.

©VGN / Michael Appelt
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Eben ist eine niederösterreichische Delegation aus der Ukraine zurück gekommen, ausgelotet wurden die wirtschaftlichen Chancen eines Wiederaufbaus vor Ort – potenziell ein 500-Milliarden-Euro-Konjunkturprogramm. Wie mit Korruption und Personalengpässen umzugehen ist, bereitet jedoch jetzt schon Kopfzerbrechen.

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Er sei „betroffen vom Ausmaß der Zerstörung, das wir in der Ukraine gesehen haben, aber genauso beeindruckt vom Optimismus und der Entschlossenheit der Menschen, das Land wieder aufzubauen", sagt Kari Ochsner, Präsident der Industriellenvereinigung Niederösterreich, nach der Rückkehr einer 60-köpfigen Delegation. Seine Firma Ochsner Wärmepumpen hat in Kiew eine Kooperation zur Dekarbonisierung des Gebäudesektors und zum Aufbau eines Produktionsstandorts in der Ukraine unterzeichnet, Themen diverser Memoranden of Understanding (MoU) waren auch Energieeffizienz, Flughafeninfrastruktur und ein groß angelegtes Wasserstoffprojekt in der Westukraine.

Im seit drei Jahren von russischen Angriffen erschütterten Land gilt es, Bahnlinien und Kraftwerke wieder instand zu setzen und vor allem leistbare Wohnungen zu bauen. Die Wiederaufbaukosten werden auf über 500 Milliarden Euro geschätzt.

Doch welche Strategien wählen österreichische Unternehmen, die nicht im Begleittross von Politikern - die niederösterreichische Delegation wurde von Landeshauptfrau Mikl-Leitner angeführt, schon am 14. März war die neue Außenministerin Beate Meinl-Reisinger in die Ukraine gereist – unterwegs sind?

Im Wegräumen von Schutt ist beispielsweise Gerald Hanisch unbestrittener Meister. Der Linzer hat vor mehr als 30 Jahren Rubble Master gegründet, eine Maschinenbaufirma, die auf mobile Brecher spezialisiert ist. Derzeit sind seine Geräte noch verstärkt in der Türkei im Einsatz, wo vor zwei Jahren ein Erdbeben 500.000 Häuser zerstörte und mehr als 50.000 Menschen tötete. Doch im Windschatten der starken türkischen Baufirmen, die nun ihre Fühler Richtung Ukraine ausstrecken, will er in Zukunft verstärkt auch Chancen im Kriegsland nutzen, wenn dort einmal Frieden herrscht. „Wir wollen dabei sein“, hält Hanisch fest.

Der Unternehmer weiß, dass Kontakte und Politik dabei eine entscheidende Rolle spielen. Er weiß aber auch: „Was die Amerikaner können, können wir auch. Der Wiederaufbau könnte einen Boost für unsere Wirtschaft bedeuten.“

Meinl-Reisinger, deren Kabinettschef Arad Benkö bisher Botschafter in der Ukraine war, will einen Sonderkoordinator für das Land installieren; derzeit ist Sektionschefin Elisabeth Kornfeind interimistisch mit dieser Rolle betraut.

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13 Prozent des ukrainischen Wohnbestands sind laut einer aktuellen Weltbank-Studie zerstört oder schwer beschädigt.

 © picturedesk.com/Reuters/Nadia Karpova

MENSCHENMANGEL

Der Salzburger Kranbauer Palfinger sorgt in ­Polen selbst dafür, dass etwaige Chancen maximal genutzt werden können. In den dortigen Niederlassungen werden bereits die ersten Vorführ-Lkw mit Hebekränen, wie sie im Wiederaufbau unverzichtbar sein werden, ausgerüstet. Sogar Prospekte auf Ukrainisch hat Palfinger-Chef ­Andreas Klauser, der mit einer effektiven Waffenruhe in der ersten Jahreshälfte rechnet, schon drucken lassen: „Wir bereiten uns darauf vor, dass wir am Tag X startklar sind.“

Im polnischen Gewand daherzukommen, kann Türen schneller öffnen – die Unterstützung des Nachbarlandes für die Ukraine ist seit Kriegsbeginn besonders groß. Palfinger hat vor Weihnachten auch an der Rebuild-Ukraine-Messe in Warschau teilgenommen, neben österreichischen Firmen wie Andritz Hydro, Binderholz, Hargassner und Rockster, einem Rubble-Master-Konkurrenten.

Die Frage, woher die Menschen für die Instandsetzung des teilweise zerstörten Landes kommen, beschäftigt mindestens so sehr wie die Frage, woher das Geld kommt und wie die Korruption hintangehalten werden kann.

Rund 80.000 ukrainische Soldaten dürften inzwischen ihr Leben verloren haben. Wie viele von den Schlachtfeldern mit schweren körperlichen und psychischen Beeinträchtigungen zurückkehren, ist ungewiss – es werden viele sein. Und die Befürchtung, dass manche mit Kriegsende zu ihren ins Ausland geflüchteten Frauen und den vielfach ins Schulleben integrierten Kindern fliehen werden, ist zumindest berechtigt.

SONDERWEGE

Viele am Ukraine-Business Interessierte schwören auf den informellen Sektor. Berichtet wird von zahlreichen ukrainischen Geschäftsleuten, die aus der Wiener Innenstadt weiterhin ihre Geschäfte am Laufen halten und nützliche Verbindungen bereitstellen können. Diese GraumarktKontaktbörsen werden vermutlich ein mindestens so wichtiger Faktor beim Wiederaufbau sein wie Delegationsreisen.

Wie die Kranfirma Palfinger, die stark auf Polen setzt, oder der Maschinenbauer Rubble Master mit speziellen Connections zu türkischen Baufirmen gehen deshalb viele Unternehmen eigene Wege. „Die österreichische Politik ist spät dran. Wichtig wäre, ein Hilfspaket für kritische Infrastruktur in der Ukraine zu schnüren“, deponiert Palfinger-Chef Klauser eine Minimalforderung.

Und Gerald Hanisch, der „Master of Rubble Master“, rechnet damit, dass es kurzfristig sehr viel „Try and Error geben wird“. Dabei ist der Unternehmer optimistisch, dass die Versuche auch glücken können: „Die nächsten Wochen werden spannend.“

Der Artikel ist eine verkürzte und aktualisierte Version der Ukraine-Wiederaufbau-Story in der trend.EDITION vom 21. März 2025.


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