
Alejandro Plater, CEO der A1 Group, und Thomas ARNOLDNER, Deputy CEO der A1 Group, über wirtschaftliche Schwächen der EU, die Wettbewerbsverzerrung beim Glasfaserausbau und die steigende Anzahl von Cyberangriffen.
TREND: Der ehemalige italienische Ministerpräsident Enrico Letta und der frühere EZB-Chef Mario Draghi empfehlen der EU in ihren Berichten mehrere Maßnahmen zur Stärkung des Binnenmarkts. Doch welche großen Herausforderungen stehen Europa dabei im Weg?
Plater: Viele Experten sind in der Frage einer Meinung, warum Europa wirtschaftlich hinterherhinkt. Es geht genau um die Punkte, die Letta und Draghi in ihren Berichten ansprechen: Mangel an Investitionen, Mangel an Innovation und fehlende Flexibilität, um bestimmte Märkte zu konsolidieren. Ich denke, das trifft den Kern. Aber es gibt Herausforderungen in der Umsetzung der empfohlenen Maßnahmen. Für uns ist es manchmal sehr schwierig, Abläufe zu vereinheitlichen oder grenzüberschreitende Produkte zu entwickeln, da jedes Land unterschiedliche Anforderungen und spezifische Vorschriften hat. Wenn wir zum Beispiel versuchen, ein digitales Produkt zu entwickeln, das über die Grenzen hinausgeht und die gleiche Lösung in vielen Ländern für viele potenzielle Kunden bietet, ist es nahezu unmöglich, dies umzusetzen.
Arnoldner: Und genau an diesem Beispiel sieht man, wie absurd das Übermaß an Regelungen und Vorschriften in den verschiedenen EU-Ländern ist. In der Analyse sagen die Reports, die Märkte sind zu heterogen. Wir haben im Telekombereich in Europa im Schnitt fünf Millionen Kunden pro Anbieter, in den USA sind es 107 und in China 467 Millionen Kunden. Das heißt, der Markt in Europa ist komplett zergliedert. Wir haben in den USA doppelt so viel Investitionen pro Einwohner als in Europa. Dadurch wird es sehr schwierig, diese Investitionslücke von 200 Milliarden Euro, die uns für die Ziele der digitalen Dekade der EU fehlen, zu überbrücken. Wir investieren in der A1 Group fast eine Milliarde Euro in die digitale Infrastruktur und leisten unseren Beitrag, um diese Lücke zu schließen.
Österreich belegt im IMD World Competitiveness Ranking nur den 26. Platz und ist im Vergleich zum Vorjahr zurückgefallen. Was muss Österreich tun, um wettbewerbsfähiger zu werden?
Arnoldner: Dass Österreich Plätze im Ranking verliert, müsste nicht sein. Es gibt externe Faktoren, die es uns schwierig gemacht haben. Wir haben jahrelang von sehr günstigen Energiepreisen profitiert. Nun sind sie in Europa circa zwei- bis dreimal so hoch wie in den USA. Durch sehr großzügige Kollektivvertragsverhandlungen in den letzten Jahren haben wir bei den Lohnkosten große Unterschiede zu internationalen Märkten, aber auch zu unseren unmittelbaren Nachbarländern. Und wir brauchen Bürokratieabbau und müssen uns wieder mehr auf unsere österreichischen Stärken besinnen wie die Innovationskraft.
Plater: Der beste Weg, den wir zur Wirtschaftskraft beitragen können, ist Innovation. So bleiben wir wettbewerbsfähig und können unseren Kunden wettbewerbsfähige Produkte anbieten. Diese Innovationsfähigkeit erfordert eine ständige Kompetenzentwicklung von allen, die in unserem Unternehmen arbeiten. Indem wir dies tun, helfen wir auch Österreich, in den Wettbewerbsrankings besser abzuschneiden.
Was tut A1, um seine Wettbewerbsfähigkeit zu steigern?
Plater: Ein wichtiger Schritt für uns war, vor Jahren eine gemeinsame Marke einzuführen. Damals haben wir uns gefragt: Warum haben wir verschiedene Marken? Wir haben eine so starke und mächtige Marke in Österreich, die als qualitativ hochwertige Premiummarke bekannt ist – mit guten Netzwerken und hohen Servicestandards. Warum sollten wir diese Marke nicht auch in anderen Märkten nutzen? Wir haben dieselbe Marke eingeführt und festgestellt, dass es nicht nur auf die Marke ankommt, sondern auch auf die Prozesse. Warum haben wir unterschiedliche Prozesse für dieselben Aufgaben? Daher haben wir auch begonnen, die Prozesse zu standardisieren. Das hat uns viele Vorteile gebracht.
Wo sehen Sie Einschränkungen der Wettbewerbsfähigkeit?
Arnoldner: Wir investieren nach wie vor jedes Jahr enorme Summen in den Glasfaserausbau. Wir haben aber durch die Breitbandförderung, die in Österreich mit 2,4 Milliarden Euro extrem großzügig war, starke Intervention in den Markt. Was wir kritisieren, ist, dass man sich nicht andere Technologieoptionen offen hält. Man muss sich überlegen, ob das nicht eine Marktverzerrung ist und man mit viel günstigeren Methoden das Ziel ähnlich erreichen könnte, zum Beispiel mit 5G-Masten.
Sie verfolgen das Ziel, bis 2040 klimaneutral zu werden. Wie realistisch ist es, diese Vorgabe zu erreichen?
Arnoldner: Wir haben für unseren Dekarbonisierungspfad sehr konkrete Maßnahmen geplant und umgesetzt. Das wesentlichste Ziel besteht darin, unseren Energieverbrauch auf erneuerbare Energien umzustellen. Da das Datenvolumen im Mobilfunk jedes Jahr massiv wächst, steigt auch der Energieverbrauch. Wir versuchen daher, den Datenverbrauch und den Energieverbrauch zu entkoppeln, indem wir neue Technologien einsetzen. So setzen wir an unseren Mobilfunkstandorten zum Beispiel auf passive Kühlung. Gleichzeitig dekarbonisieren wir unsere Flotte und setzen auf E-Fahrzeuge. Wir sind stolz darauf, dass diese Bemühungen auch extern anerkannt werden. Wir haben zum Beispiel vom globalen Umweltverband CDP die Höchstbewertung „A“ für Transparenz und Leistung im Klimaschutz erhalten.
Die Bedrohung durch Cyberangriffe steigt. Wie reagieren Sie darauf?
Plater: Wir investieren stark: nicht nur in Tools oder Softwareinfrastruktur, sondern auch in Kompetenz. Wir haben mehr als 400 Mitarbeiter im Unternehmen, die sich ausschließlich mit Netzwerken und Bedrohungen befassen. Etwa 90 Prozent aller Alarme sind automatisch. Die Software erkennt diese und bewertet, ob es sich um reale Bedrohungen handelt oder nicht. Es gibt viele automatische Sicherheitsmaßnahmen, die implementiert werden, um Netzwerke herunterzufahren und sowohl uns als auch unsere Kunden zu schützen. Ein kleiner Teil der Bedrohungen – weniger als ein Prozent der Fälle – muss von unseren Experten manuell überprüft werden. Trotzdem sind wir wie alle Unternehmen ständig Angriffen ausgesetzt.
In welche Richtung wird sich die A1 Group künftig entwickeln?
Plater: Wir sehen, dass die Mehrheit der Unternehmen sich in einer Transformation hin zu Softwareunternehmen befindet. Supermärkte, der Einzelhandel und industrielle Prozesse – alles wird in Software und Daten umgewandelt. Viele Unternehmen haben jedoch Schwierigkeiten damit, weil ihnen die Kompetenzen fehlen, ein Softwareunternehmen zu sein. Wir in der Telekommunikationsindustrie betreiben seit vielen Jahren sehr komplexe IT-Umgebungen. Dadurch haben wir viel Erfahrung gesammelt, wie man Software entwickelt und Daten verwaltet. Jetzt besteht unsere Strategie darin, diese beiden Fähigkeiten – Kompetenz in der Softwareentwicklung und Kompetenz im Datenmanagement – als Produkt an unsere Kunden weiterzugeben.
Leadership im Wandel
Wie führt man ein Unternehmen erfolgreich durch Zeiten rasanter digitaler und gesellschaftlicher Veränderungen?
Thomas Arnoldner, Deputy CEO der A1 Group, spricht über Leadership, Innovation und die Rolle von Künstlicher Intelligenz in der digitalen Transformation. Und er verrät, welche Trends die Telekommunikationsbranche prägen und wie A1 als Marktführer die Zukunft mitgestaltet.
Zu den Personen
ALEJANDRO PLATER ist CEO der A1 Group, 2018 bis 2023 war er COO. Er absolvierte ein Betriebswirtschaftsstudium an der Universität Buenos Aires und mehrere postgraduale Management-Ausbildungen. Danach war er bei Ericsson u. a. als Vice President und Sales Director für Mexiko tätig.
THOMAS ARNOLDNER ist seit 2023 Deputy CEO der A1 Group, von 2018 bis 2023 war er CEO. Der studierte Betriebswirt begann seine berufliche Laufbahn bei Alcatel Austria und war ab 2013 CEO der Alcatel-Lucent Austria AG. Von 2017 bis 2018 war er Geschäftsführer der T-Systems Austria GesmbH.