
Trump hat die Gleichstellung per Dekret abgeschafft und fordert das nun auch von europäischen Unternehmen. Konzerne, die mit den USA geschäftlich verbunden sind, müssen sich positionieren.
In den Dekret-Salven, die US-Präsident Donald Trump seit Beginn seiner Amtszeit im Stakkato erlässt, ist sie zuletzt etwas untergegangen: die Anti-Woke-Bewegung, die er mit der verordneten Schließung von DEI-Abteilungen in den Bundesbehörden in Gang gesetzt hatte.
Eilfertig hatten große Teile der US-amerikanischen Wirtschaftselite den Kotau noch vor Amtsantritt gemacht, allen voran die Tech-Elite, die aus Sorge, künftig bei Bundesaufträgen Nachteile zu haben, über Nacht die Regenbogenfahnen eingeholt hatte. Amazon, Alphabet (Google), Meta (Facebook, Instagram, WhatsApp) und andere cancelten einschlägige Aktivitäten. Anfang des Jahres hatten sich bereits 20 Prozent der S&P-100-Unternehmen von Diversität und Vielfalt distanziert. Den Backlash vollzogen haben aber längst auch McDonald’s oder Disney, die sogar Drehbücher umschreiben lassen. Selbst bei Apple steigt der Druck konservativer Investoren auf CEO Tim Cook.
Seit Ende März ist endgültig klar, dass diese Anti-Wokeness-Welle über den Atlantik geschwappt ist, in Form diplomatischer Post, die europäische Staatsspitzen und Konzerne erreicht hat. Die französische Wirtschaftszeitung „Les Echos“ berichtete von Schreiben an französische Telekom-, Pharma- und Luxuskonzerne, dem Trump’schen DEI-Verbot zu folgen. Dem Vernehmen nach waren Fragebögen Teil der Depeschen, die ausgefüllt retourniert werden sollen. Ein weiterer diplomatischer Affront, mit eindeutiger Botschaft: Wer nicht nach den neuen US-Regeln spielt, bekommt Schwierigkeiten im US-Geschäft.
Die drohende Gefahr sehen europäische Konzerne klar, wie auch ein Rundruf der FAZ in deutschen Firmenzentralen offenbarte. Das deutsche Technologieflaggschiff SAP träfe es dabei besonders hart, ein Drittel der Umsätze werden in den USA erwirtschaftet, der Konzern ist dort börsennotiert und macht Geschäfte mit der Verwaltung, etwa dem Militär. Kein einfacher Spagat: „Derzeit überprüfen wir die Executive Orders des Präsidenten hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf SAP“, heißt es gegenüber der FAZ diplomatisch. Geprüft wird allerorten, bei Automobilkonzernen, Markenartikelherstellern und natürlich den großen weltweit tätigen Beratern, die traditional oft viele staatliche Aufträge in ihren Bilanzen haben.
Kann man neutral sein?
Wie sie es mit der Diversität künftig halten wollen, diskutierten auch die Aktionäre auf der Hauptversammlung des Schweizer Pharmariesen Roche Ende März. Verwaltungsratspräsident Severin Schwan betonte: „Die Vielfalt der Perspektiven ist gerade für ein innovatives Unternehmen wie Roche von grundlegender Bedeutung“. Roche werde sich an die gesetzlichen Vorgaben in den USA halten, aber Wege finden, um den eigenen Werten trotzdem treu zu bleiben und Diversität weiterhin hochzuhalten.
Gelingt dieser Balanceakt tatsächlich, könnte das ein Coup sein, glaubt Stephan Böhm, Professor für Diversitätsmanagement der Universität St. Gallen gegenüber dem SRF: „Wenn Roche tatsächlich Diversität und auch Inklusion aus offiziellen Dokumenten streiche, aber gleichzeitig in Europa zumindest weiter fördere, dann könne das für sie sogar zum Vorteil werden. Wenn wir uns hier besser aufstellen, ist das etwas, das für Toptalente auch aus den USA attraktiv ist, um nach Europa zu kommen.“